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Peter Abegg: Mit Eseln und Maultieren unterwegs 

 

 

Freitag, 18. September 1998 - Auch in Andalusien fällt gelegent­lich Regen! Bevor wir in der Bar Sociedad unser Abschiedsfrüh­stück genießen konnten, mußten wir unsere durchnäßten Esel und Maultiere unter den Augen der belustigten einheimischen Zu­schauer und einiger Presseleute bepacken. Meine Eselin Raya kam mir viel nasser vor als alle anderen zusammen. Nach ein paar Scheiben gerösteten Bauernbrots mit Olivenöl hielten wir Auszug aus Vélez-Blanco. Ich mußte an den Rosenmontagszug in Düsseldorf denken. Die Zuschauer hatten jedenfalls genauso viel Vergnügen mit uns "Jecken".

 

Während der ersten Stunde geben uns die mitmarschierenden Journa­listen und das Fernsehteam vom Canal Sur ein gewisses Gefühl von Bedeutung. Jedesmal, wenn das eindrucksvolle Castillo de los Fajardo ein (fast) kitschiges Motiv bot, mußten wir für Auf­nahmen anhalten.

 

Schon beim gemeinsamen Abendessen, das am Vorabend von den Frauen der Aufseher bereitet wurde, stellten wir dankbar fest, daß wir uns alle prächtig verstehen würden. Und so war's auch, vom ersten bis zum letzten Schritt.

 

Als die Journalisten ermüdet zu ihren Fahrzeugen zurückgekehrt waren, begannen wir, uns besser kennen zu lernen und die herrli­che Landschaft richtig zu genießen.

 

Während der nächsten fünf Tage sollten wir gemeinsam über unwegsame Pfade und querfeldein wandern mit gelegentlichen Begegnungen mit einem Pastor (Hirten) oder einem einsam gele­genem Cortijo (Hof). Nach einer langen Strecke durch die Vega (fruchtbares Land) entlang der Flüßchen Orce und Galera wander­ten wir durch die unterschiedlichsten, immer faszinierenden und meist wunderschönen Landschaften: Tundra, Wüste, Unterholz, Wald und nackten Felsen.

 

Am ersten Abend kam ein Freund aus Vélez-Blanco, um uns mit einer köstlichen Paella zu verwöhnen - draußen, im Regen. Nach einer relativ kurzen Strecke von 15 Kilometern erfreuten wir uns an einem geselligen Abend mit guten Weinen meines Freundes Javier Malumbres.

 

Samstag, 19. September - Ein angenehmer Gang über eine Hoch­ebene (900m) brachte uns nach Orce, einem Dorf, das Berühmt­heit als La cuna de la humanidad europea (Wiege der europäi­schen Menschheit) erlangt zu haben glaubt. Sie mögen genauso überrascht sein wie ich, als ich von bedeutenden Ausgrabungen erfuhr, wie Stücke eines mehr als anderthalb Millionen Jahre alten Kinderschädels. So scheinen wir alle aus Orce zu stammen, wo wir die Nacht in einer komfortablen Cueva (Höhle) verbrachten. Die Höhlenbewohner - ein Spanier und ein Franzose - verwöhnten uns in einer komfortablen Einrichtung (Antiqui­täten und Edeltrödel) mit guter französischer Küche. Im Prospekt steht zu lesen, daß die Höhlen wasserdicht sind. So konnten wir beruhigt schlafen.

 

Auf halbem Weg nach Orce kamen wir am Cortijo del Rojo, dem Hof des Rothaarigen vorbei. Die Bauersleute freuten sich über die amüsante Abwechslung; Burschen, die sich sicherlich ihr eigenes Auto leisten können, marschieren mit Eseln durch die Wüste. Ein kleines Mädchen meinte, das sei doch lustiger als Fernsehen.

 

Richtig spannend wurde es, als eine alte Frau begann, in Erinne­rungen an den Bürgerkrieg und die Estraperlistas, besonders an den berüchtigten Schmuggler El Gato Negro, zu schwelgen. El Gato Negro, der schwarze Kater, war wohl so eine Art spanischer Robin Hood. Sie schien die schweren Zeiten noch einmal zu durchleben, als sie ihre Erinnerungen und Anekdoten schilderte. Es war ihr vorgekommen, als wär's gestern gewesen. Wir waren schwer be­eindruckt.

 

Sonntag, 20. September - Ein langer, aber angenehmer Marsch nach Galera, ein weiteres Dorf mit Unterkunft in Höhlen. Nach dem Mittagessen lieh sich unser Amateurfotograf Enrique vom Wirt ein Mountainbike. Er war es einfach leid, immer hin und her laufen zu müssen, um uns - und natürlich die Landschaft - aus den besten Blickwinkeln zu fotografieren.

 

Statt einen ruhigen Sonntag nachmittag zu genießen, mußten wir noch 12 Kilometer bis Castillejos marschieren. Nur dort hatten wir eine Art von Unterkunft für unsere "Bestias" (zwei Esel und drei Maultiere, die mit uns ganz zufrieden zu sein schienen) gefunden. Der Festsaal und gleichzeitig das Kino des Dorfes war für unsere vierbeinigen Begleiter geräumt worden. Daran kann man gut er­kennen, wie wenig Erfahrung die junge Generation der Landbe­völkerung im Umgang mit den ständigen Begleitern ihrer Vorfah­ren haben.

 

Wir waren auf jeden Fall nicht überrascht, als wir am nächsten Morgen das Tor öffneten. Umso mehr die Einheimischen! Die werden sich sicher noch einige Zeit zum Geruch (milde ausge­drückt!) passende Western ansehen. Wir hatten den Saal in einer Stunde sauber gefegt, aber den Geruch mußten wir zurücklassen.

 

Marschieren mit - nicht Reiten auf - Eseln ist ziemlich mühsam aber auch lohnend. Man muß sie führen und oft genug hinter sich herziehen, besonders bei dem Tempo, daß unsere andalusischen Guardas vorlegten. Ich freundete mich schnell mit Raya an. Wir schienen beide stolz zu sein,  wenn wir eine steile,  enge Passage geschafft oder ein Feld voller faustgroßer Felsbrocken hinter uns gebracht hatten. Am Abend, wenn sie von Gepäck und Zaumzeug befreit waren, legten sie sich auf den Rücken und badeten fast wollüstig in feinem Staub. Leider war ich nie früh genug auf, um Raya vor der morgendlichen Dusche zu striegeln!

 

Montag, 21. September - Langsam hatte ich mich daran gewöhnt, um sechs Uhr geweckt zu werden. Nachdem wir die besagten Andenken unserer Bestias aus dem Festsaal entfernt hatten, war­tete die härteste Etappe auf uns, 40 Kilometer bergauf und bergab durch schweres Gelände zum Naturpark von Cazorla. Ein einhei­mischer Führer brachte uns zu einer Furt, an der wir den Río Castril überqueren konnten. Er brachte uns zur Hochebene, auf der ein Weg nach El Hornico führte. Um 10 Uhr lagen wir in der Falle.

 

Dienstag, 22. September - Kein Fegen an diesem Morgen; die Bestias hatten die Nacht im Freien verbracht. Um acht Uhr bra­chen wir zur letzten Etappe auf.

 

Die Sierra de Cazorla ist für Spanien, was die Rocky Mountains für Amerika sind:  Reine,  natürliche Pracht.  Jetzt endlich am letzten Tag - ein weiterer Auf-und-ab-Marathon - hatte ich Raya so­weit, daß sie ohne großes Geziehe die schwierigen Passagen be­wältigte. So konnte ich die Schönheit dieses Naturparks und unsere letzte Wanderung voll und ganz genießen.

 

Um sieben erreichten wir den komfortablen Parador von Cazorla, müde und sehr zufrieden mit uns.

 

Eine Gruppe von Freunden aus dem 1500-Seelen-Nest Vélez-Blanco und ein paar - bis dahin - Fremde durften gemeinsam eine un- vergeßliche und einzigartige Erfahrung erleben: Ungezwungene und schon fast unwirkliche Kameradschaft unter teils sehr heraus­fordernden Bedingungen unterstützt durch gute geistige und kör­perliche Verfassung eines Jeden, wunderschöne Landschaften und Dörfer, freundlich-fröhliche und hilfsbereite Menschen und - nicht zuletzt - las bestias. Ich werde Raya eine Valentins-Karte schicken!

 

Hundertunddreißig Kilometer. Für mich waren es Meilen!

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




 


 

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